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Zum Nachdenken
Mit reinem Herzen beten / Psalm 66,18
Ein Mann hatte einmal einen merkwürdigen Traum: Ein Engel forderte ihn auf, ihm zu folgen. Sie kamen in eine Kirche, wo fünf Menschen knieten und beteten. Vor jedem sass ein weisser Vogel mit angelegten Flügeln.
"Beobachte diese Leute, während sie beten", sagte der Engel, "und achte darauf, was mit den weissen Vögeln geschieht."
Ganz vorne in der Kirche kniete eine elegant gekleidete Dame. Sie blickte beim Beten nach oben, und die Worte flossen ihr leicht von den Lippen. Ihr weisser Vogel war der grösste und schönste und weisseste von allen; doch obwohl sie unablässig betete, rührte er sich nicht. "Streck deine Hand aus und berühre ihn!" forderte der Engel den Träumenden auf. Der berührte sanft die herrlichen weissen Federn, zog aber hastig seine Hand zurück. "Ich glaube, er ist tot", sagte er.
"Ja", bestätigte der Engel traurig," er ist wirklich tot. Diese Frau geht seit ihrer Kindheit zur Kirche. Sie zieht ihre besten Kleider an und kennt die schönsten Gebete auswendig. Sie spricht wunderbare Worte, aber sie meint sie nicht wirklich, und sobald sie die Kirche verlassen hat, hat sie sie schon vergessen. Sie merkt nicht einmal, was sie betet. Da, sieh doch! Sie blickt zu ihrer Nachbarin in der nächsten Bank hinüber und fragt sich, wieviel wohl deren Hut gekostet haben mag!"
Der Träumende wandte sich nun der zweiten knienden Gestalt zu. Dieser Mann betete offenbar richtig. Der herrliche Vogel vor ihm breitete seine Flügel aus und schwang sich in die Luft. Als der Träumende ihm mit den Augen folgte, merkte er, dass die Kirche kein Dacht hatte. Und so steig der Vogel direkt in den blauen Himmel auf.
Plötzlich aber veränderte sich das Gesicht des Beters. Die Andacht wich einem harten, bitteren Ausdruck. Der Mann presste die Lippen zusammen und knurrte leise vor sich hin. Da zuckte der herrliche Vogel mitten im Flug zusammen, als sei er von einem Pfeil getroffen worden, und lag im nächsten Augenblick tot auf dem Kirchenboden. Der Träumende wandte sich fragend an den Engel.
"Dieser Mann begann mit eine aufrichtigen Gebet", erklärte der Engel, "doch während er betete, fiel ihm jemand ein, der ihm Unrecht getan hatte. Da übermannte ihn der Zorn, und alle Liebe wich aus seinem Herzen. Er ist nicht bereit, zu vergeben und zu vergessen. Da, sieh doch, er eilt mit Rachegedanken hinaus. So hat sein Gebet den Vater nicht erreicht."
Der Träumende wandte seine Aufmerksamkeit der dritten Person zu. Es war eine Frau, die mit gefalteten Händen und verweinten Augen in ihrer Bank kniete. Während sie betete, stieg der schöne weisse Vogel vor ihr auf und sank wieder herab. Dann nahm er all seine Kräfte zusammen und versuchte es noch einmal. Doch als er fast die Höhe der Kirchenmauern erreicht hatte, begann er zu fallen. Aber bevor er auf den Boden aufschlug, kämpfte er sich mit kräftigen Flügelschlägen wieder empor, bis er schliesslich den klaren, blauen Himmel erreichte, alle Federn spreizte und im Sonnenschein verschwand.
Der Engel, der ihm gespannt beobachtet hatte, stiess einen erleichterten Seufzer aus. "Diese Frau hat viel Leid durchgemacht", sagte er. "Sie konnte nicht mehr glauben, dass Gott sie liebt und sich um sie kümmert. Sie ist lange nicht mehr hier gewesen. Heute aber ist sie noch einmal gekommen und hat zu beten versucht. Noch während sie betete, kamen ihre Zweifel zurück. Sie konnte nicht glauben. Fast wollte sie aufgeben. Doch sie erzählte dem Herrn von ihren Zweifeln, rief sich in Erinnerung, was Gott versprochen hat, und so wurde ihr Glaube gestärkt. Ihr Gebet hat den Vater erreicht, und er ist ihr ganz nahe gekommen, um sie zutrösten. Da, sieh! Sie lächelt!"
Die vierte kniende Person sah aus wie ein Landstreicher. Vor ihm hockte ein schwaches, unscheinbares Vögelchen, das bestimmt nicht einmal fliegen konnte. Sprach der Mann überhaupt? Nein, er sass einfach da und sah ganz verzweifelt aus. Doch plötzlich flatterte der Vogel mit seinen schmutziggrauen Flügeln, und im nächsten Augenblick flog er kraftvoll, fast senkrecht nach oben. Als er draussen im Sonnenschein ankam, glänzten seine Flügel auf einmal schneeweiss, und der Engel lachte vor Freude.
"Dieser Mann hat keine Ahnung, wie man betet", erklärte er. "Er hat noch nie in seinem Leben gebetet und weiss nicht, wie er sich ausdrücken soll. Doch seine Sünde bedrückt ihn, und sein Gewissen klagt ihn an, weil er nie nach Gott gefragt hat. Seine Gedanken schreien um Gnade und Vergebung. Und so freuen sich jetzt, in diesem Augenblick, alle Engel Gottes im Himmel, weil wieder einmal ein Sünder den weg nach Hause gefunden hat."
Schliesslich kniete noch ein kleiner Junge in der Kirche. Vor ihm sass ein kleiner, makelloser Vogel. Der Junge faltete die Hände und sagte Gott alles, was ihm gerade wichtig war. Es täte ihm leid, dass er seine Schwester geschlagen hätte. Und Gott solle doch bitte seine Mutter gesund machen und ihm bitte bei den Rechenaufgaben helfen. Dann dankte er Gott für den Fussball, den er zum Geburtstag bekommen hatte, und der Vogel flog mit einem fröhlichen Lied nach oben. Im nächsten Augenblick sprang der Junge auf und rannte nach draussen, um mit seinem Ball zu spielen. Und während er an dem Engel vorbeihüpfte, lachte er ihm ins Gesicht.
Aus dem Buch: "So gross ist Gott" von Patricia St. John